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Die süße Versuchung

Fritzchen stand auf einer Leiter,
Spross‘ um Sprosse stieg er weiter,
Süße Früchte gab’s dort oben,
Hätt‘ sie gern in‘ Mund geschoben.

Als er nach den Kirschen langte,
Schrak er, weil die Leiter schwankte,
Zweimal hin und her – sie wippte,
Bis sie auf den Boden kippte.

Fritzchen hatte’s fast verpennt,
Griff im letzten Schreckmoment
Nach dem starken Kirschbaumast,
Dieser hielt die ganze Last.

Fritzchen fing nun an zu schwingen,
Doch es wollt‘ ihm nicht gelingen,
Zwischen Kirschen und den Blättern
Auf den Ast hinauf zu klettern.

Und so hing er schon ’ne Weile,
Ohne Rettungskletterseile,
Und sobald er dieses dachte,
Gab der Ast nach – und es krachte.

Fritzchen, der am Boden saß,
Griff nach links und rechts und aß,
Stopfte sich die Wangen voll
Bis der Saft aus diesen quoll.

Und nach vielen Schlemmerstunden
War’n die Kirschen ganz verschwunden,
Fritzchen schlief zufrieden ein
Mit ’nem dicken Bäuchelein.

David Damm, 2020

Dieses Gedicht wurde im Rahmen der Juniverse-Challenge verfasst.

Acht Monate im Wald

Ich habe gerade auf Fritz den Blue Moon mit Caro Korneli gehört. Gleich zu Beginn rief Holger (54) mit einer unglaublichen Geschichte an:

Letzten Winter war Holger einige Zeit auf Montage in Spanien. Seine Frau, mit der er seit 20 Jahren verheiratet ist und sein Sohn blieben in Deutschland. Sie hatten nur sporadischen telefonischen Kontakt. Und plötzlich hatte er kein Geld mehr, weil seine Frau das gemeinsame Konto gesperrt hatte. Mit Mühe und Not kam er nach Hause zurück. Die Wohnung war weg. Der Hund war tot. Die Frau war verschwunden. Und der Sohn stellte sich als Kuckuckskind heraus.
Er stand auf der Straße mit leeren Taschen. Doch statt in ein Obdachlosenheim einquartiert zu werden, wollte er lieber in den Wald. Mit viel Geduld und Ausdauer überzeugte er die Behörden von seinem Vorhaben und sie spendierten ihm ein Zelt. Er schlug es im Wald auf und umzäunte es. Der Zaun sollte die Wölfe und andere unliebsame Gäste von seiner Hütte, er nannte sie Finka, fern halten. Eine Füchsin wurde im Laufe der acht Monate, die er dort verbrachte, zu einer guten Freundin. Sie schaute jeden Tag bei ihm vorbei. Er fütterte sie. Sonst war er ganz allein im Wald. Abgesehen vom täglichen Besuch auf dem Arbeitsamt. Dort musste er sich jeden Wochentag melden, um dann am Freitag den Tagessatz für die kommende Woche – knapp 100 Euro – zu erhalten. Für den Wald kaufte er sich regelmäßig Batterien, damit er dort Radio und wenigstens ein paar Stimmen hören konnte, um nicht verrückt zu werden. Und wenn die Batterien aufgebraucht waren, so hatte er doch vorgesorgt und hielt einen kleinen Stapel an Büchern bereit. Er las gern in der Stille der Natur. Seine letzte Lektüre war »Wolfsgeschrei«.
Heute war jedoch ein besonderer Tag. Ein guter Tag! Er hatte Aussicht auf eine Wohnung. Einen Neuanfang. Morgen schon! Morgen würde er hoffentlich den Mietvertrag unterschreiben und ein neues Leben beginnen.

Berührt von dieser traurigen, aber hoffnungsvollen Geschichte, rief ich im Radio an. Ich wollte Holger einen kleinen Gruß, einen Mutmacher da lassen. Und da ich erst vor kurzem ein Waldgedicht geschrieben hatte, trug ich »Im Grunewald« vor.

Doch hört selbst!

Ab der 4. Minute gibt es Holger zu hören.
Ab der 31. Minute bin ich im Radio.

Den Podcast vom 15. Oktober 2014 mit Caro Korneli findet man für kurze Zeit unter www.fritz.de/media/podcasts/sendungen/blue_moon.html.