Silbenton

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Kategorie: Lyrik (Seite 1 von 26)

Abschied

An einem Morgen fand ich Spuren im Sand,
Und ich wusste, es waren die deinen,
Der Wind blies die Wellen über den Strand,
Und ich musste fürchterlich weinen –
Bis das Sandkorn aus meinem Auge verschwand.

David Damm, 2019

Der klare Fluss

Es fließt der Wodka durch meinen Rachen
Und stürzt meine Kehle hinunter,
Das bringt mein Gemüte herrlich zum Lachen
Und macht meinen Geist wieder munter.

David Damm, 2018

Drosophilatelist

Am Abend sitzt er wie gewöhnlich
Am reich gedeckten Küchentisch,
Er speist am liebsten saft’ges Obst,
Das gibt es jeden Tag ganz frisch.

Auf bunten Tellern angerichtet:
Geschnitt’ne Birnen, schon entkernt,
Fein filetierte Saftorangen,
Von Äpfeln Schale dünn entfernt.

Den süßlichen Gerüchen folgend
Setzt sich ’ne Fliege auf ein Stück,
Das Sammlerherz des alten Mannes
Hüpft jauchzend innerlich vor Glück.

Mit tausendfach erprobter Geste
Fängt er sie an den Flügeln ein,
Greift mit der and’ren Hand in’s Schubfach,
Dort muss die große Lupe sein.

Die Fliege nutzt den Suchmoment,
Entwischt, schwirrt fröhlich durch den Raum,
Und setzt sich frech, wie Fliegen sind,
Auf seinen Nasenspitzensaum.

Der Alte schielt, verdreht die Augen,
Ihm kitzelt’s, dass er niesen muss,
Die Fliege fliegt mit Pirouetten
Ins Licht hinfort und dann ist Schluss.

Ein leises Zischen, Rauch steigt auf,
Die Kerzenflamme, welch ein Fluch,
Der Mann enttäuscht, ach, so ein Pech,
Kein neues Sammlerstück für’s Buch.

David Damm, 2019

Werbepause

An jeder Ecke in Berlin
Tauchen Stadtbojen auf.
Einst Marktplatz für Ereignisse,
Jetzt nur noch Farbklecks
Im Stadtbild.

Den Weg weisend –
An der grünen rechts,
An den roten immer links –
Haben sie nur eine Botschaft:
»Entspann dich, heute keine Werbung!«

David Damm, 2019

Auf dem Weg zur Arbeit fielen mir die roten und grünen Litfaßsäulen auf. Keine Werbung mehr? Irgendwie schön und schön auffällig. Ich musste an der grünen rechts abbiegen, und wo ich links musste, stand eine rote Säule. Sie wiesen mir also tatsächlich den Weg. Schon seit einigen Tagen standen sie so farbig und leer da und schrien nach Aufmerksamkeit. Es juckte mir in den Fingern. Sie wollten nach einem Stift greifen und die riesigen Leinwände mit Urban Sketching verzieren. Das wär doch was: überall Kunst statt Werbung!

Stoffen

Ein Junge zog abends durch Stoffen,
Er böllerte, war sturzbesoffen,
Fontänen, die sprühten,
Raketen, die glühten,
Da hätt’s ihn fast selber getroffen.

David Damm, 2018

In diesem Sinne wünsche ich einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2019!
Manchmal ist weniger eben doch mehr. Und manchmal ist gar nichts am meisten – für Umwelt und Natur. Feiert schön! 🙂

Weihnachtsgeschenke

Berge von Geschenken lagen
Unter’m Weihnachtsbaum drapiert,
Wurden aufgefetzt – nun Klagen –
Opa hat es nicht kapiert,
Was der Junge sich erträumte,
Eine saub’re, aufgeräumte,
Wunderschöne Welt zu haben
Ohne tiefen Abfallgraben.

David Damm, 2018

Autofahren im Advent

Wenn du an der Ampel stehst
Und das  grüne Lichtlein  brennt,
Klingen hinter dir die Hupen,
Denn du hast den Start verpennt.

Wenn du eine Kreuzung siehst
Und das  gelbe Lichtlein  strahlt,
Musst du dich ganz schnell entscheiden:
Bremse oder Gaspedal.

Wenn du eine Kreuzung querst
Und das  rote Lichtlein  glüht,
Wirst du einen Wunschbrief kriegen,
Mit der Rechnung, die dir blüht.

Wenn du an die Ampel fährst
Und das  gelbe Lichtlein  blinkt,
Gibt’s vielleicht ’ne Überraschung,
Achte Vorfahrt! Unbedingt!

David Damm, 2018

Herbstblues


Die Bluse – frisch und unbenutzt –
Gebügelt und herausgeputzt,
Begab sich auf den Weg zum Tanz,
Sie liebte Blues von Big Brass Bands,
Sie drehte sich im Blätterwind,
Der Abend herrlich lau und lind.

Da blies ein Bläser – mit Verlaub –
Die bunten Blätter und den Staub
Wie ein Orkan zum Bürgersteig,
Es wirbelten die Birkenzweig‘,
Mit zweifelhaftem Resultat:
Der Bluse platzten Knopf und Naht.

David Damm, 2018

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