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Nichtschwimmer

Als Kind lernte ich schwimmen
In einem Brandenburger See,
Mitten im Wald gelegen,
Mit grobem Kies am Strand.
Die orangefarbenen Schwimmflügel
Wurden so fest aufgepustet
Wie beim Messen des Blutdrucks
Und über die dünnen Ärmchen gestülpt.
Ich fuchtelte mit Armen und Beinen
Auf dem Bauch liegend im Wasser
Und schluckte jede Menge davon.
Eine starke Hand unter dem Bauch stützte
Und hielt mich über der Wasseroberfläche.
Es dauerte eine ganze Weile
Bis die Bewegungen nicht mehr hastig,
Sondern koordiniert und ruhig wurden.
Die Eltern saßen auf dem Badehandtuch,
Sahen zu, wie ich bald alleine übte,
Ganz vorne im flachen Wasser
Und über den Seegrund robbte.
Stolz wie Bolle kam ich heraus,
Mit blauen, zitternden Lippen
Und rotem, zerkratztem Bauch.

David Damm, 2021

Dieses Gedicht wurde im Rahmen der Juniverse-Challenge zum Begriff »Schwimmflügel« verfasst.

Nymphenzauber

Die göttlichste Schönheit, die Wassernymphe,
Entstieg einer Quelle unweit der Sümpfe,
Den Schoß bedeckte sie mit nur einem Blatt,
Das unter dem Feigenbaum gelegen hat.

Aus dem wildesten Dickicht, nur Sträucher und Stümpfe,
Kroch ein Wesen der seltenen Gattung der Schlümpfe,
Er reckte und streckte sich wie ein Akrobat,
Bis er auf dem Baumstumpf gesessen hat.

»Du bist wunderschön«, sprach der Schlumpf zu der Nymphe,
»Doch verzeihe mir, wenn ich die Nase rümpfe.
Deine Haut ist so rein und eben und glatt,
Doch stinkst du abscheulich nach Knoblauchsalat.«

»Mein lieber Freund, was soll das Geschimpfe?
Sind Meckern und Tadeln deine einzigen Trümpfe?
Siehst dich unverschämt an meiner Blöße satt,
Weißt du nicht, was es heißt, wenn man Anstand hat?«

Daraufhin verschwand für einen Moment die Nymphe,
Zog sich ein Fischernetz an und löchrige Strümpfe,
»Du hast mich verletzt, du hölzerner Schrat!«,
Indes dieser turnte – er übte Spagat.

Augenblicklich besann sich der Waldschrat der Schlümpfe,
Und versprach: »Nie wieder will ich dich verunglimpfe!«
Er unterstrich seine Absicht mit einer guten Tat,
Dann trollte er sich demütig auf dem Uferpfad.

So sieht man des Nachts manchmal Nymphen und Schlümpfe
Beim Schwimmen und Tauchen durch Seen und Sümpfe,
Und sind sie von dieser Ertüchtigung platt,
Stärken sie sich gemeinsam am Knoblauchsalat.

David Damm, 2021

November

Der Nebeldunst schwebt überm See,
Und alle Nymphen schweigen,
Am Ufer grast ein scheues Reh.
Der Nebeldunst schwebt überm See,
Der Wind steht still, bald gibt es Schnee,
Kein Blatt hängt an den Zweigen.
Der Nebeldunst schwebt überm See,
Und alle Nymphen schweigen.

David Damm, 2020

Ein Triolett zum Thema November im Rahmen des Lyrimo (Lyrikmonat).

Abend am Wannsee

Die Blässgänse fiepsen,
Ein Motorboot dröhnt,
Die Sonne versinkt hinterm Wald.
Eine Entenfamilie schwimmt über den See,
Sechs Schwäne wie Perlen auf einer Schnur.
Ein goldener Streif geht steil in den Himmel,
Und silbern glänzen die Wolken.

Die Wellen plätschern seicht an die Mole,
Der BVG-Dampfer fährt hupend in den Wannseehafen ein,
Durch die Fenster scheint ungehindert das letzte Licht.
Die Sonne brennt ein schmales Loch durch die Wolken,
Die Sonne – ein feuerrotes Ei.
Der Wind flaut ab,
Ein Segelboot streicht das Segel ein.

Die Bootmasten im Hafen stehen still,
Auf ihren Einsatz wartend wie unbenutzte Bleistifte.
Zweihundert Stare folgen im Zickzack der versunkenen Sonne.
Raben und Möwen ziehen nach Norden,
Die Havel hinauf nach Spandau,
Am Strandbad Wannsee vorbei,
Wo die Strandkörbe dem See ihre Rücken zeigen.

David Damm, 2016

Winter

der wind – er pfeift
der schnee – er tobt
der see – er gluckt
das eis – es kracht
das nass – es klatscht
die zeit – sie rinnt
der mensch – er friert

David Damm