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Schlagwort: brandenburg (Seite 1 von 1)

Vogelfrei

Ziwitt, zschhhh, zschhhh,
Pfeilschnell zischt sie vorbei,
Ums Dachgeschoss, durchs Gebüsch,
Die Böschung hinunter und rauf,
Eine weitere Runde um den Dorfteich,
Märkischer Sand stobt auf,
Tsink, tsink, tsink, ziwitt,
Jugendliche hocken in der Bushaltestelle,
Es wird geknerbelt, gezwitschert, zinzeliert,
Wit, wit, ziwitt, ziwitt,
Durchdringendes Geschrei,
Doch eine Schwalbe allein macht
Weder ein Wettrennen noch den Sommer.

David Damm, 2021

Dieses Gedicht wurde im Rahmen der Juniverse-Challenge zum Begriff »Schwalbe« verfasst.

Nichtschwimmer

Als Kind lernte ich schwimmen
In einem Brandenburger See,
Mitten im Wald gelegen,
Mit grobem Kies am Strand.
Die orangefarbenen Schwimmflügel
Wurden so fest aufgepustet
Wie beim Messen des Blutdrucks
Und über die dünnen Ärmchen gestülpt.
Ich fuchtelte mit Armen und Beinen
Auf dem Bauch liegend im Wasser
Und schluckte jede Menge davon.
Eine starke Hand unter dem Bauch stützte
Und hielt mich über der Wasseroberfläche.
Es dauerte eine ganze Weile
Bis die Bewegungen nicht mehr hastig,
Sondern koordiniert und ruhig wurden.
Die Eltern saßen auf dem Badehandtuch,
Sahen zu, wie ich bald alleine übte,
Ganz vorne im flachen Wasser
Und über den Seegrund robbte.
Stolz wie Bolle kam ich heraus,
Mit blauen, zitternden Lippen
Und rotem, zerkratztem Bauch.

David Damm, 2021

Dieses Gedicht wurde im Rahmen der Juniverse-Challenge zum Begriff »Schwimmflügel« verfasst.

Auf großer Fahrt

Wie einst Tom Sawyer und Huckleberry Finn
Schippern wir auf dem Wasser der Havel dahin.
Am Wannsee schlagen die Wellen ans Floß,
Wir fürchten sie nicht, unser Mut ist so groß.

Wir spähen durchs Fernrohr zum Strandbad hinüber,
Dort gibt’s einen Schatz, unser Blut kocht vor Fieber.
Die Leute liegen wie Krebse am Strand,
Wir ankern und warten, geh’n erst nachts an Land.

Der Mond steht hoch und ist uns Laterne,
Wie Eisdiamanten funkeln die Sterne.
Die knittrige Karte weist uns den Weg,
Wir graben mit Spaten und Schaufel am Steg.

Schon bald stoßen wir auf ein hölzernes Gut,
Wir bergen die Truhe, brechen auf mit der Flut.
An Deck knacken wir mit dem Anker das Schloss:
Rost’ge Münzen, ein Seil und ein Wurfgeschoss.

Wir treiben flussabwärts noch tagelang,
Tauchen ein in die Wildnis mit Vogelgesang.
Der Fluss wird schmäler und windet sich bald,
Wir erzittern beim Heulen der Wölfe im Wald.

Entsetzt stellen wir eines Morgens fest,
Das Floß ist verfangen in Schling und Geäst.
Ein Seerosenteppich umschließt uns ganz,
Bis zum rettenden Ufer zwanzig Meter Distanz.

Wir binden den Haken an das Ende vom Seil,
Und schleudern ihn kräftig wie einen Pfeil.
Im siebten Wurf haben wir endlich Glück,
Er wickelt sich fest und kommt nicht mehr zurück.

Mit all uns’rer Kraft zieh’n wir an einem Strang,
Wir müssen uns sputen, der Ast hält nicht lang.
Wir zählen gemeinsam hinauf bis zur Drei,
Ein kräftiger Ruck und das Floß ist frei.

Wir stimmen vor Freude ein Seeliedchen an,
Und danken dem klugen Steuermann.
Das Schiffchen schaukelt wie auf hoher See,
Beim nächsten Mal fahren wir auf der Spree.

Mit Reichtum beschenkt, auch wenn ohne Gold,
Ist jedes Erlebnis des Entdeckers Sold:
Die Schatzkiste gefüllt mit Abenteuern
Von gierigen Schlangen und Seeungeheuern.

David Damm, 2021

Dieses Gedicht wurde im Rahmen der Juniverse-Challenge zum Begriff »Abenteuer« verfasst.

Lehnitz

Ein Jäger saß abends in Lehnitz,
Erspähte durchs Fernglas ein Rehkitz,
Er wollte zur Pirsch,
Das merkte der Hirsch,
Und rammte den Jäger vom Hochsitz.

David Damm, 2020

Großbeeren

Ein Taucher, daheim in Großbeeren,
Der träumte von tiefblauen Meeren,
Statt Wellen und Strand
Gab’s märkischen Sand
Und täglich die Einfahrt zu kehren.

David Damm, 2020

Gosen

Ein Marathonläufer aus Gosen
Trainierte stets nackt ohne Hosen,
Gefragt nach dem Grund,
Sprach er, ’s sei gesund
Und vorbeugend gegen Thrombosen.

David Damm, 2019

Missen

Es standen die Hausfrau’n in Missen
Am Fenster und schüttelten Kissen,
Sie klopften die Decken
Von allen vier Ecken,
Man sah sie die Bettlaken hissen.

David Damm, 2017

Suche nach dem Glück

Hol dein Fahrrad aus dem Keller,
Folge mir ein kleines Stück,
Lass uns Brandenburg erkunden,
Komm, wir fahren bis nach Brück.
Auf den Feldern, in den Wäldern
Findest du vielleicht das Glück,
Ich hab meines schon gefunden,
Halt mal an und lass dich drück‘.

David Damm, 2017

Wiesenburg

Es pflanzte ein Gärtner in Wiesenburg
Als Selbstversorger ’ne Riesengurk‘.
Er pflegte und goss,
Die Gurke, die spross,
Bis sie gestohlen vom fiesen Schurk‘.

David Damm, 2017

Brück

Ein Reisender reiste nach Brück,
Sein Zug, der war pünktlich, zum Glück,
Er wollte dort speisen,
Gleich neben den Gleisen,
Doch gab’s nicht mal ein Kuchenstück.

David Damm, 2017

Vehlefanz

Ein Biber verlobt‘ sich in Vehlefanz
Und bat seine Frau bald zum Hochzeitstanz.
Er glänzte im Frack,
Sie trug schwarzen Lack
Und schrie schmerzlich: „Aua, du stehst auf dem Schwanz!“

David Damm, 2016

Schwante

Es lebte ’ne Tante in Schwante,
Sie war ’ne entfernte Verwandte,
Und wurde ihr heiß,
Da tropfte der Schweiß
Und perlte das Aqua Frizzante.

David Damm, 2016

Telz

Ein Müllerssohn hockte in Telz
Am Nottefließ auf einem Fels.
Die Sonne schien warm,
Er kühlte den Arm
Und fing einen kräftigen Wels.

David Damm, 2016

Bärenklau

Ein wachsamer Jäger aus Bärenklau,
Der hörte ein Brummen im Morgentau,
Schnell sprang er vor Schreck
In’s Höhlenversteck,
Doch waren’s nur Bienen auf Blumenschau.

David Damm, 2016

Notrufmelder

Notrufmelder

An der Außenfassade eines alten Gebäudes, vielleicht einem ehemaligen Schulgebäude, in der Nähe von Neuruppin entdeckt. Der Notrufmelder sah im Vergleich zum Haus regelrecht funktionstüchtig aus. Nur die Scheibe, die man im Notfall einschlagen sollte, war nicht mehr vorhanden. Die Versuchung war da, aber ich konnte widerstehen und habe den Knopf nicht gedrückt. Wer weiß, was sonst passiert wäre?

Scheibe einschlagen
KNOPF TIEF DRÜCKEN
O
VOLKSPOLIZEI/FEUERWEHR
telefonisch anfordern
und erwarten

Ein passendes Gedicht dazu wäre jenes über den Feuerlöscherwandhydrant.

Regenwald statt Spreewald

Wir, die glorreichen Sieben, sind durch den Regenwald geradelt und haben die sieben Brücken über den sieben Kanälen bezwungen. Während einer Strecke von fünfzig Kilometern, in der uns die Einheimischen vor verschlossenen Türen haben dursten und darben lassen, wurden wir im ersten Gang gewaschen, im zweiten geschleudert und durchgerüttelt, um im dritten getrocknet zu werden und mit Sonnenschein für die Strapazen belohnt in der Heimat anzukommen.

Es war ein schöner, grauer Sonntagmorgen. Ich stand gegen 7 Uhr auf, es war schon hell. Um kurz vor acht nahm ich die U-Bahn von Steglitz und war wenige Minuten später am Bahnhof Zoo. Dort wartete ich auf dem Gleis 2 auf die Regionalbahn und die Organisatorin der Tour. Johanna kam in ihrer kompletten Radmontur mit langer Hose und Jacke. Das Wetter war trocken und unerwartet warm, um die 20 Grad. Gegen halb 9 stiegen wir vorn in den Zug ein. Das Fahrradabteil, das für bis zu zwölf Räder ausgelegt war, war bis auf zwei Reisende komplett leer. Wir stellten die Räder seitlich an die Wand und statt des vorgesehenen Sicherheitsgurtes wie im Auto verwendete ich einen Spanngurt. Die nächste Mitreisende stieg am Alex hinzu. Und der letzte große Schwung am Ostbahnhof, so dass wir nun zu siebt waren – zwei Männer und fünf Frauen. Trotz des grau verhangenen Himmels waren alle gut gelaunt und freuten sich auf eine spannende Tour durch den Spreewald.

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