Wie einst Tom Sawyer und Huckleberry Finn Schippern wir auf dem Wasser der Havel dahin. Am Wannsee schlagen die Wellen ans Floß, Wir fürchten sie nicht, unser Mut ist so groß.
Wir spähen durchs Fernrohr zum Strandbad hinüber, Dort gibt’s einen Schatz, unser Blut kocht vor Fieber. Die Leute liegen wie Krebse am Strand, Wir ankern und warten, geh’n erst nachts an Land.
Der Mond steht hoch und ist uns Laterne, Wie Eisdiamanten funkeln die Sterne. Die knittrige Karte weist uns den Weg, Wir graben mit Spaten und Schaufel am Steg.
Schon bald stoßen wir auf ein hölzernes Gut, Wir bergen die Truhe, brechen auf mit der Flut. An Deck knacken wir mit dem Anker das Schloss: Rost’ge Münzen, ein Seil und ein Wurfgeschoss.
Wir treiben flussabwärts noch tagelang, Tauchen ein in die Wildnis mit Vogelgesang. Der Fluss wird schmäler und windet sich bald, Wir erzittern beim Heulen der Wölfe im Wald.
Entsetzt stellen wir eines Morgens fest, Das Floß ist verfangen in Schling und Geäst. Ein Seerosenteppich umschließt uns ganz, Bis zum rettenden Ufer zwanzig Meter Distanz.
Wir binden den Haken an das Ende vom Seil, Und schleudern ihn kräftig wie einen Pfeil. Im siebten Wurf haben wir endlich Glück, Er wickelt sich fest und kommt nicht mehr zurück.
Mit all uns’rer Kraft zieh’n wir an einem Strang, Wir müssen uns sputen, der Ast hält nicht lang. Wir zählen gemeinsam hinauf bis zur Drei, Ein kräftiger Ruck und das Floß ist frei.
Wir stimmen vor Freude ein Seeliedchen an, Und danken dem klugen Steuermann. Das Schiffchen schaukelt wie auf hoher See, Beim nächsten Mal fahren wir auf der Spree.
Mit Reichtum beschenkt, auch wenn ohne Gold, Ist jedes Erlebnis des Entdeckers Sold: Die Schatzkiste gefüllt mit Abenteuern Von gierigen Schlangen und Seeungeheuern.
David Damm, 2021
Dieses Gedicht wurde im Rahmen der Juniverse-Challenge zum Begriff »Abenteuer« verfasst.
Am Abend zu der blauen Stunde
Schwingt sich der Mond auf seine Runde,
Sein Kopf ist voll, er leuchtet drall,
Er rutscht hinab und kommt zu Fall.
Die Nacht ist bitter klirrend kalt,
Am Schornstein gibt es keinen Halt.
Die Schindeln zittern, und mit Krach,
Er hält sich kurz noch an dem Dach,
Fällt er abrupt in’s Vogelnest,
Der Rabe schimpft: »Ist das ein Test?«
Da schwell’n dem Mond die Wangen an,
Dass er es kaum noch halten kann.
»Es tut mir leid«, würgt nun der Mond,
»Mir dreht es heut‘ so ungewohnt.«
Er rollt sich weiter, kreidebleich,
Und stürzt beinahe in den Teich,
Doch kurz davor, im Baumgeäst,
Verfängt er sich und hängt dort fest.
Der Rabe landet auf dem Baum,
Pickt Stück für Stück vom hellen Saum,
Bis er vom Mond nach bald zwei Wochen
Schier jeden Krümel abgebrochen.
Als ich die helle Sichel,
Die wie eine verwunschene Schale in der Nacht hing,
Hinter den kahlen Zweigen sichtete,
Öffnete ich den Sicherungskasten und fragte in die Nacht,
Ob der Winter bald verschwinden würde?
Der Mann, der sich dort oben häuslich eingerichtet hatte,
Klappte seinen Sichtschutz herunter
Und versicherte mir mit einem Augenzwinkern,
Dass nach zwei vollen Monden
Der Frühling in jeder Hinsicht Einzug halten werde.
Im Juni des Jahres zur Mittsommernacht
Erscheint er so völlig in rundlicher Pracht,
Er schiebt seine Kugel den Himmel hinan,
Damit ihn ein jeder beobachten kann.
Die Wangen frech glühend, die Nase fast rot,
Ein leuchtender Bernstein im Halteverbot.
Er dreht seine Runde am Tag und zur Nacht,
Er strahlt unermüdlich und lächelt und lacht.
Die Nacht nach dem längsten Tag des Jahres bricht kurz nach zehn in Berlin-Tempelhof an. Der Mond steht tief und voll am fast dunklen Himmel über dem Feld. Schleierwolken trüben den Blick.
Ein Mann mit einem Bauch so groß und rund wie der Vollmond sitzt auf einem Vierersitz in der Ringbahn. Er grummelt und fährt sich mit der Hand über die nahezu vollendete Glatze. Die verbliebenen grauen Haare an den Seiten hat er wachsen lassen und hinter dem Nacken zu einem schmierigen Zopf gebunden. Er schaut auf seinen Bauch, streicht darüber und spricht in tiefem Ton zu ihm. Ein Blick aus dem Fenster, nur einen kurzen Moment, dann winkt er ab. Er brabbelt vor sich hin und winkt erneut kopfschüttelnd.
Er kippt seinen Oberkörper vorne über und fasst sich zunächst an die linke, dann an die rechte Ferse, als wolle er prüfen, ob seine Füße in der Zwischenzeit nicht weggelaufen seien. Er sieht auf die Uhr, schüttelt den Kopf und murmelt etwas von halb elf. Dann erhebt er sich, als wolle er aussteigen. Er greift seine riesige Plastiktasche und wankt durch den Wagen. Doch statt zur Tür zu gehen, entdeckt er zwei Sitzreihen entfernt eine einsam auf dem Boden stehende Papiertüte von Primark. Er setzt sich neben die Tüte, legt seine Tasche ab und hebt die Tüte auf seinen Schoß. Mit den klobigen Händen hält er die zarten Henkel weit auseinander und inspiziert das Innere. Dann stellt er sie vor sich auf den Boden zurück. Wenig später greift er wieder zu. Er schaut hinein, die Tüte raschelt. Er entscheidet sich, sie zwischen den Beinen abzustellen und festzuhalten. Ab und zu brabbelt er, sieht sich um und blickt auf die Uhr. Es ist 10 vor halb 11. Haltestelle Insbrucker Platz steigt er mit Tasche und Tüte aus.
Die schmale Sichel des Mondes hing knapp über den Dächern und leuchtete in Karls Kinderzimmer hinein. Sein Bett stand nah am Fenster. Er blickte durch die Fenstersprossen und die leeren Baumzweige hindurch zum Himmelszelt. Der Mond senkte sich und die Sterne zeigten ihr Funkeln. In der Straße wurden einige der letzten Gaslaternen der Stadt entzündet.
Karl hörte das Herabdrücken einer Türklinke. Er blickte zur Tür und sah, wie das Licht im Türspalt erlosch. Die Eltern zogen sich in das nebenan liegende Schlafzimmer zurück und die Wohnung verfiel in einen tiefen, ruhigen Schlaf.
Karl wälzte sich in seinem Bett hin und her und fand keine geeignete Schlafposition. Wie hätte er auch nur schlafen können? Morgen ist der Heilige Abend – endlich! Seit Wochen erwartete er ihn sehnsüchtig. Seine Gedanken kreisten um seine Wünsche und die Geschenke, die er sich erhoffte. Ob er dieses Jahr endlich den ferngesteuerten Truck bekäme? Er malte sich aus, wie er ihn noch am Nachmittag ausprobieren wolle, draußen auf dem Sportplatz. Wenn es dann schon dunkel wäre, würde er die Scheinwerfer und die Beleuchtung einschalten. Mit Vollgas könnte er Runde um Runde auf der Tartanbahn drehen und die Vögel, die ihm in die Quere kämen, würde er mit dem mächtigen Signalhorn verscheuchen. Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht. Weiterlesen