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Schlagwort: sprache (Seite 1 von 2)

Tafelkultur

Es war einmal … eine Herzogin, die zur Tafel in den holzvertäfelten Speisesaal geladen hatte. Es gab für die Gäste Tafelspitz. Der Koch hatte ihn mit feinkörnigem Tafelsalz gewürzt und servierte die Speise mit einer cremigen Soße aus Tafel-Meerrettich. Zerlaufene Tafelbutter wurde auf die Kartoffeln gegeben. Dazu wurde Wein und ein kühles Tafelwasser gereicht. Gespeist wurde mit dem familiären Tafelbesteck aus Tafelsilber. Das Tafelgeschirr war aus weißem Porzellan mit feinen blauen Linien. Der Tisch war mit einem großen, weißen Tafeltuch eingedeckt. Die Tafelleuchter standen auf der Mitte und die Flammen der Kerzen flackerten. Als Nachspeise hatte die Herzogin Tafelbirnen ernten und Tafeltrauben importieren und bereitstellen lassen. Süße Mäuler konnten auch ein Stück von einer Schokoladentafel wählen. Mit wässrigem Mund saßen die Gäste an der reich geschmückten Tafelrunde, klapperten mit dem Besteck und warteten, dass der Hofnarr sein Tafellied anstimmte:

Wir wollen fein und lange tafeln,
Als nur von Wein und Schwein zu schwafeln.

Die Tafelnden griffen begierig zu, spießten mit dem glänzenden Tafelbesteck die Speisen auf und führten sie den Mündern zu. Der Hofnarr spielte währenddessen keine schöne, aber dafür umso lautere Tafelmusik, um die schmatzenden Geräusche zu übertönen.

Und heutzutage … muss man nicht mehr so einen Aufwand betreiben: man geht einfach in ein Lebensmittelgeschäft, kauft ein tafelfertiges Essen, erwärmt es zuhause in der Mikrowelle und kann wenige Minuten später seine Tafelfreuden genießen.

Brrrrr

Br*tta isst zum Abend
Br*t mit Gürkchen, serviert auf einem
Br*tt und
Br*tzelt sich vegetarische
Br*twürstchen dazu.

David Damm, 2021

Niederschlag

An einer Holzhütte habe ich mein Pausenlager aufgeschlagen,
Auf der ungeschützten Bank sitze ich niedergeschlagen da.
In den Tälern und Niederungen beginnt es kräftig zu regnen,
Es trifft mich wie ein Faustschlag in die Magengrube.
Aus den schwarzgrauen Wolken prasseln die fetten Tropfen hernieder,
Hin und wieder ein grelles Zucken – Blitzeinschlag gefolgt von Donner.
Niedergekauert drücke ich mich an die Wand, verwünsche den Wettergott,
Schon versiegt schlagartig der Wasserfall, Hoffnung keimt in mir auf.
Ein Sonnenstrahl fällt nieder auf mein Haupt, in der Ferne ein Regenbogen,
Dieses Signal ist ausschlaggebend für meinen neu gefassten Mut:
Ein guter Zeitpunkt, mich von meiner Niederlassung zu erheben
Und jedem weiteren Niederschlag zum Trotz meine Reise fortzusetzen.

David Damm, 2021

Es schnieselt

Es ist Winter. Und in einem ordentlichen Winter sollte es auch schneien. Den schlimmsten Winter seit langem gab es 1978/1979. Meterhoch lag der Schnee selbst in Berlin und weiter im Norden. Ganze Inseln und Ortschaften waren von der übrigen Welt abgeschnitten, Telefon- und Stromnetze brachen zusammen. Die Menschen mussten Tage, wenn nicht sogar Wochen, ausharren, um Hilfe von außen zu bekommen. Oder sie warteten auf steigende Temperaturen, die der Beginn des Frühlings im März und April versprach.

Mitte Dezember 2020 sitze ich zuhause am Fenster. Meine Füße sind auf der warmen Heizung abgelegt und ich blicke verträumt nach draußen. Berlin ist grau. Graue Wolken. Graue Straßen. Doch plötzlich weht etwas Unbekanntes durch die Luft. Etwas kleines, das leicht im Wind segelt, ja, geradezu wie ein Engel herab schwebt. Und als es auf die Erde trifft, löst es sich in Wohlgefallen auf. So schnell wie es erschienen war, ist es auch wieder verschwunden.
Ich frage mich, ob ich halluziniere, aber nein, da sehe ich noch ein Flöckchen. Und noch eines. Tatsächlich, es sind weiße, zarte Schneeflöckchen. Ich möchte das Fenster aufreißen und hinaus schreien: »Hurra, es schneit!«
Doch ich reiße mich zusammen. Die drei Flöckchen lassen sich an einer Hand abzählen. Hier von Schneefall zu sprechen, wäre stark übertrieben. Nein, es ist auch wirklich kein Hagel, auch kein Graupel. Es ist kein Nieselregen. Ich würde ja sagen, und das trifft es tatsächlich am besten: es schnieselt. Seelenruhig fallen hier und da die weißen Eiskristalle hernieder, dass es dem Kinderherzen eine Freude ist, sie zu betrachten, wie sie langsam aus dem grauen Grau hinab trudeln.

In den Berliner Nachrichten wird von gelegentlichem Schneefall gesprochen. Im Fernsehen steht eine Meteorologin in Dresden vor der Semper-Oper und spricht sogar von einem Schneesturm, währenddessen große, aber doch nur wenige, Schneeflocken über ihr herab rieseln und keineswegs liegen bleiben. Ein Sturm ist es auch nicht, denn die Flocken wehen nur leicht im Wind. Ich hätte einfach gesagt, dass es schneit.
Es sieht so aus, als müssten wir die Sprache und Begriffe des Wetters in Zeiten der Klimaerwärmung neu definieren.

Während ich am Fenster saß und diese Beobachtung machte, suchte ich nach einem Begriff, der schwachen Schneefall beschreiben kann. Bei schwachem Regen spricht man häufig von Nieselregen oder kurz Niesel. In Analogie dazu erschuf ich das Wort Schniesel, also Schnee-Niesel. Eine Internetsuche brachte dann aber zum Vorschein, dass ich nicht der erste war, der diesen Gedankengang hatte, wie man z. B. hier beim Tagesspiegel nachlesen kann.

Mohnliebe

Siehst du den Mohn im Feld dort stehn?
Er kann nicht fort, er kann nicht gehn.

Er winkt mir zu von Wies‘ und Feld,
Wo Korn wächst für das Brot der Welt.

Doch welch ein Ziel hat Mohn im Sinn?
Er ist nur schön und gibt sich hin.

Sein Stiel ist grün, das Blatt ist rot,
Er blüht und blüht bis zu dem Tod.

Der Mohn schwingt hin, zur Seit‘ und her,
Jetzt lieb ich ihn im Wind noch mehr.

Er reckt und streckt sich hin zum Licht,
Nur feucht und nass, das mag er nicht.

Er strahlt selbst nachts bei Mond und Stern,
Drum hab ich Mohn in rot so gern.

David Damm, 2020

Ein einsilbiges Gedicht im Rahmen des Lyrimo (Lyrikmonat).

Schluss

Du gabst mir auf den Mund ’nen Kuss,
Doch weil ich nun weit fort gehn muss,
Ist mir mein Herz so leer und schwer,
Es weiß, du kommst nicht mit – nie mehr.

David Damm, 2020

Ein einsilbiges Gedicht im Rahmen des Lyrimo (Lyrikmonat).

Superelfchen

Vor ein paar Tagen, am 11. 11., dem Elfchen-Tag, habe ich hier elf Elfchen gepostet. Aber irgendetwas fehlt noch: nämlich das versprochene Superelfchen.

Was ist ein Superelfchen?

Um ein Superelfchen bauen zu können, benötigen wir zunächst elf Elfchen. Diese müssen wiederum ein Akrostichon sein, d.h. die Anfangsbuchstaben jeder Zeile ergeben ein neues, quasi verstecktes Wort. Da ein Elfchen immer genau fünf Zeilen hat, besteht das zugehörige Akrostichon aus fünf Buchstaben. Nimmt man nun diese elf fünf-buchstabigen Wörter, so kann man daraus ein neues Elfchen bauen – das Superelfchen.

Um ein Superelfchen bauen zu können, sollte man sich eine Auswahl an Wörtern notieren, die jeweils fünf Buchstaben lang sind. Aus diesen konstruiert man dann nach gewohnter Manier ein Elfchen. Danach schreibt man sich die Buchstaben jedes Wortes des Superelfchens untereinander auf und vervollständigt diese ebenfalls zu Elfchen.

Los geht’s, weg von der Theorie zum praktischen Beispiel: hier kommt das noch fehlende Puzzleteil zu den elf Elfchens, das Superelfchen.

Superelfchen

Sonne,
Uhren sagen:
Pause macht Laune,
Enkel gehen baden – Teich,
Radau.

David Damm, 2020

Und übrigens: mein Superelfchen ist auch ein Akrostichon, denn die Anfangsbuchstaben jeder Zeile ergeben das Wort »SUPER«.

In dem nachfolgenden Bild habe ich alle elf Elfchen und das daraus resultierende zwölfte Superelfchen zusammengepackt. Wer Lust hat, kann gerne überprüfen, ob ich alles richtig gemacht habe. 😉

Elf Elfchen und ein Superelfchen

Falschanzeige

Wenn eine elektronische Anzeige mir anzeigt, dass sie nichts anzeigen kann, dann hat die Anzeige einen Anzeigefehler, denn ich konnte ja auf der Anzeige lesen, dass die Anzeige eigentlich nichts anzeigen sollte, d.h. die Anzeige funktionierte also doch.

Diverse Verse

Ich versuche, diverse Verse
In verschiedenen Versionen
Unmißverständlich zu konversieren
Und ohne verstörende Verschreiber
Mit der versicherten Post
In’s Universum zu versenden,
Um dort den versunkenen Verstand
Aller versierten Versliebhaber
Mit Zuversicht zu versüßen.

Verstanden?

David Damm, 2019

Die Litfaßsäule

Fassungslos stand da ein Mann
Vor der Litfaßsäule.
Er starrte die Fassade an,
Fast nur grauer Waschbeton,
Doch mit einem Faserstift
Verfasste jemand ein Gedicht.

David Damm, 2019

Die Vermessung der Buchwelt

Es ist nicht vermessen, auf die Messe zu gehen.
Schon gar nicht als Buchmessi.
Die Messlatte aber nicht zu hoch anlegen.
Beim Vermessen der Messestände
Mit messerscharfem Blick
Kann man sich leicht vermessen.
Durch diesen Messfehler passen am Ende
Nicht alle neuen Bücher ins Bücherregal.

David Damm, 2019

Martas Marder

Waldemar, der Marder, zermarterte sich den Kopf am Matterhorn, wie Martas Materie ohne Material vom Marterpfahl zu befreien sei.

Frisch gewischt

Frau Wischmeyer, die Fischerin, wischte dem Fischotter mit einem frischen Wischlappen den unwichtigen Fischschnodder aus der spezifischen Schnauze.

Bauernweisheiten

In einem Bauernkalender sollte folgendes Sprichwort, das nicht nur von Bauern, sondern auch von Ärzten bestätigt werden würde, niemals fehlen:

Wer Laub bläst, bläst kein Trübsal.

Blätter lassen sich auch zu jeder Tages- und Nachtzeit besonders leise entfernen. Man nehme ein Buch zur Hand und blättere darin.

Schlaue Leser sind beliebter als Laubbläser.

Und zu guter Letzt hat sogar die Mode ein Wörtchen mitzureden:

Lieber einen blauen Blazer tragen als einen lauten Bläser.

Sicherlich

Als ich die helle Sichel,
Die wie eine verwunschene Schale in der Nacht hing,
Hinter den kahlen Zweigen sichtete,
Öffnete ich den Sicherungskasten und fragte in die Nacht,
Ob der Winter bald verschwinden würde?

Der Mann, der sich dort oben häuslich eingerichtet hatte,
Klappte seinen Sichtschutz herunter
Und versicherte mir mit einem Augenzwinkern,
Dass nach zwei vollen Monden
Der Frühling in jeder Hinsicht Einzug halten werde.

David Damm, 2018

 

Die Essensfrage

Was darf ich essen, wenn die Wurst einfach nur noch Käse ist, der Käse aber ist mir völlig wurst?

Was ist die Essenz des Essens?

David Damm, 2018

Essig

Am liebsten ess‘ ich abends ganz lässig Sülze in Essig,
D
enn dann vergess‘ ich wie stressig mein Tag war.

David Damm, 2017